Es piept, zirpt, summt und surrt, es duftet, brütet und blüht: Die Teuschnitz-Aue ist eines der letzten, nahezu intakten Paradiese. Keine großen Straßen, kein Lärm, kein Industriedunst. Nur Grün und bunt blühende Pracht wohin das Auge reicht. Hier leben zahlreiche gefährdete Arten der Roten Liste. Bärwurz und Arnika wachsen auf ungedüngten, mageren Wiesen und Braunkehlchen finden Platz zum Brüten.

Dan Kieran fliegt nicht. Selbst wenn er von England nach Marokko will, nimmt er den Zug. Das hat mit seiner Flugangst zu tun, aber mehr noch mit seiner Abneigung gegen hektische, flüchtige Eindrücke. Kieran ist überzeugter Anhänger des bewussten, langsamen Reisens. Sein Buch „Slow Travel“ ist ein Loblied auf die Langsamkeit. Wobei damit nicht nur die Geschwindigkeit beim Reisen gemeint ist, sondern vielmehr die Haltung, die dahinter steht: das Bewusstsein, Eindrücke nicht flüchtig vorüber huschen zu lassen. In der modernen Reiseindustrie sieht Kieran dafür wenig Chancen.

„Slow“ ist das Mantra gegen Action, Adrenalinkick, Hektik, Stress, Reizüberflutung und chronische Überforderung. „Slowtravelling“ ist eine Methode, um einen Gang herunterzuschalten. Die einen gehen dafür ins Kloster und üben sich entlang des Kreuzgangs im achtsamen Gehen - ich wandere durch die Gegend. Und wenn’s gut läuft, dann finde ich meine Seelenräume in Landschaften. Plätze, die gut tun, die mich erden und trotzdem meinem Geist Flügel verleihen.

Die Teuschnitz-Aue gehört zu diesen ganz besonderen Kraftplätzen. Wenn man die Augen schließt, hört man nur das sanfte Rauschen der Bäume, Vogelstimmen oder das Summen einer Biene. Kein Autogeräusch, nichts, das an Zivilisation erinnert. Macht man die Augen auf, dann blickt man auf die bunte Palette der Natur. Das ca. 2.100 Hektar große Gebiet gehört zu dem vor rund 300 Millionen Jahren entstandenen „Alten Gebirge“. Allein das flößt mir schon Ehrfurcht ein. Die Hochflächen liegen 605 bis 650 Meter über dem Meeresspiegel. Auf engstem Raum bietet dieser unberührt wirkende Flecken Erde ein Rückzugsgebiet für viele vom Aussterben bedrohte Tier und Pflanzenarten. Hier findet man selten gewordene Vögel wie Bekassine, Wiesenpieper, Neuntöter, Blaukehlchen und Sperlingskauz. Falter, wie den Dukatenfalter und den Trauermantel oder auch die gut getarnte Zwitscherschrecke, eine der größten in Mitteleuropa vorkommenden Heuschrecken.

Es lohnt sich, hier mit offenen Augen und langsamen, achtsamen Schrittes Eindrücke zu sammeln. Auf den Wiesen blühen Rosen, Perückenflockenblumen, Margeriten, Kartäusernelken, Lichtnelken, Schlüsselblumen und seltene Orchideenarten. Man findet wertvolle und teils selten gewordene Kräuter und Heilpflanzen wie Ackerschachtelhalm, Bärwurz, Frauenmantel, Gänsefingerkraut, Goldrute, Heidelbeere, Huflattich, Johanniskraut, Kamille, Mädesüß, Rainfarn, Schafgarbe, Schlehdorn, Schwarzen Holunder, Spitzwegerich, Walderdbeere, Waldmeister, Weißdorn und Wiesenknöterich. Absolut einmalig in Deutschland sind die großen Flächen mit Arnika. Auf den sauren, kalkarmen Magerwiesen der Teuschnitz-Aue hat die als gefährdet eingestufte Art ideale Bedingungen.

Das war nicht immer so. Gerade noch rechtzeitig, bevor die Arnika auch hier verschwunden wäre, startete im Jahr 1989 der Landschaftspflegeverband Frankenwald ein Pilotprojekt zur modellhaften Umsetzung des bayerischen Arten- und Biotopschutzprogrammes in der Teuschnitz-Aue.

Dietrich Förster ist Leiter des Naturparks Frankenwald und betreut das Projekt federführend. Von ihm lasse ich mir die Besonderheiten der Arnica montana erläutern: „Früher, bis zur Einführung des Traktors, gab es überall im Frankenwald Arnika-Wiesen“, erläutert der Diplom Biologe. „Mit der Mechanisierung, also ca. nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde früher gemäht, außerdem kamen zunehmend Gülle und Kunstdünger zum Einsatz. Das verträgt sich nicht mit der Arnika.“ Dietrich Förster konnte die Landwirte der Region überzeugen, die Wiesen erst nach der Arnika-Blüte, also ab Mitte Juli, zu mähen. Mit Erfolg. „Ein Monitoring in den Jahren 1990 bis 2000 ergab eine Verdreifachung des Vorkommens.“ Förster weiter: „Die Landwirte waren von der Artenvielfalt, die ihre Wiesen plötzlich auszeichnete, überzeugt. Einer sagte sogar: ,Die späte Mahd erspart mir den Viehdoktor.‘“ Verständlich, denn die Arnika, im Volksmund auch Wolfsblume oder Bergwohlverleih genannt, verfügt über ca. 150 medizinische Wirkstoffe. Sowohl die konventionelle Medizin, als auch die Phytotherapie, Homöopathie und Anthroposophie kennen die Pflanze als Heilmittel - für Mensch und Tier.  

Nicht nur im Frankenwald besinnt man sich wieder auf die Heilkraft der Natur. Auch in angrenzenden Regionen, wie im Bayerischen Vogtland, rund um Hof, und auch im Fichtelgebirge müht man sich, die Arnika-Vorkommen wieder zu vermehren. Die Flächen im Frankenwald sind jedoch unerreicht.

Dietrich Förster: „Arnika ordnet verletztes Gewebe und kann so dabei helfen, Entzündungen zu hemmen. Das macht sie zum Beispiel wertvoll bei stumpfen Verletzungen, bei Prellungen, Zerrungen und Muskelkater.“ Aber es gibt noch weitere Anwendungsgebiete, wie Dr. Johannes Wilkens, Ärztlicher Direktor der Bad Stebener Alexander von Humboldt Klinik und Arnika-Experte, weiß. Wilkens beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Arnika und hat ihr sogar seine Doktorarbeit gewidmet. „Interessant könnte Arnika bei inneren Blutungen und Multipler Sklerose sein. So gibt es positive Erfahrungen von einem Schlaganfall-Patienten mit dem entsprechenden homöopathischen Mittel und auch eine MS-Patientin berichtet von der Linderung der Beschwerden.“ Wilkens wünscht sich, dass die Wirkstoffe der Arnika weiter ergründet werden, um das vollständige Heilpotenzial der Pflanze offenzulegen.

Von Juni bis Juli blüht die Arnika leuchtend gelb in der Teuschnitz-Aue. Wie bei allen Korbblüten-Gewächsen bestehen ihre Blütenköpfe aus vielen kleinen Einzelblümchen: kleinsten Röhren in der Mitte, die umkränzt sind von größeren Röhren mit einem langen, nach außen ragenden Blatt. Charakteristisch ist, dass dieses Strahlblatt außen drei Zähnchen hat. Rund 150 pharmazeutisch wirksame Inhaltsstoffe hat man bis heute bestimmen können. Dazu gehören Flavonoide, Carotinoide, Cholin, Bitterstoffe, Sesquiterpenlactone und die wertvollen ätherischen Öle. Schon die Benediktinerin und Universalgelehrte Hildegard von Bingen erkannte vor rund 900 Jahren die Heilkraft der „Wolfsgelegena“, wie sie die Arnika nannte.

Den Teuschnitzern, die seit Jahrhunderten das alte Wissen rund um ihre Heilpflanzen hegen, entwickeln und anwenden, ist die Bedeutung ihres Schatzes bewusst. Allen voran Bürgermeisterin Gabriele Weber. Sie entwickelte einen Masterplan, der die rund 2.100 Einwohner zählende Stadt wieder auf Vordermann bringen soll - mit Rücksicht auf die Natur, nachhaltig und mit viel Fingerspitzengefühl. Auf Basis eines 2006 erarbeiteten, touristischen Entwicklungskonzeptes und einer 2009 durchgeführten ISEK-Studie (Integriertes Städtebauliches Entwicklungskonzept) hat die 625 Jahre alte Stadt ihre beiden wesentlichen Entwicklungspotenziale herausgearbeitet: Gesundheit und Natur. Die Bürgermeisterin: „Wir haben eine hervorragende bauliche Infrastruktur - aber zugleich viel Leerstand. Wir haben einen erheblichen demographischen Wandel und zu wenig Industrieansiedlung - aber wir haben eine herrliche Landschaft und eine einzigartige Naturapotheke mit über 50 Heilkräutern direkt vor der Haustür. Wir können den Menschen das bieten, was sie heute am meisten brauchen: Gesundheit, Wellness, Entschleunigung. Und deshalb haben wir uns dafür entschieden, das, was wir haben, sinnvoll zu nutzen und damit den Lebens- und Wirtschaftsraum zu stärken. All unser Engagement gilt dem Ziel, Wertschöpfung und Arbeitsplätze zu schaffen.“

Und deshalb ist in der pittoresken Stadt, die sich „Die Arnikastadt“ nennt, nicht nur eine Arnika Akademie entstanden, in der Fachleute ihr Wissen rund um Heilpflanzen, Naturkulinarik und Brauchtum weitergeben, sondern es entstehen auch auf 3.000 Quadratmetern Fläche ein Lehr- und Schaugarten, Kräutersuiten zum Übernachten, ein Naturkulinarium für Seminarteilnehmer - und jede Menge Ideen für Produkte, die in Teuschnitz für den gesundheitsbewussten Rest der Republik hergestellt werden können. Die Betonung liegt bei allem auf Nachhaltigkeit. Das gilt auch und gerade für die Arnika. Es ist nur wenigen Menschen mit Sondererlaubnis gestattet, die Arnika in fest definierten Mengen zu ernten. Wildes Pflücken ist verboten. Teuschnitz, die Arnikastadt, wird mit Flowerpower in eine neue Zukunft starten, in der altes Wissen und neue Erkenntnisse, in der Natur und neue Lebens- und Wirtschaftsformen zu einem neuen Ganzen heranreifen. Kein Wunder, dass die Teuschnitzer ihrer Arnika einmal im Jahr ein Fest widmen.

Die Teuschnitzer haben den Nerv der Zeit getroffen. Immer mehr Menschen wollen aus dem Hamsterrad des „Müssens“ und „Sollens“, des Getriebenseins aussteigen, und ihre innere Balance wiederfinden, sich selbst finden. Ein „gutes“ Leben führen. „LOHAS“ ist das Akronym (engl. Lifestyles of Health and Sustainability) für die Personen, deren Lebensstil von Gesundheitsbewusstsein und -vorsorge sowie von Nachhaltigkeit geprägt ist. Hier sind sie bestens aufgehoben.

Ich hab die Sandalen ausgezogen. Barfuß wandere ich weiter. Langsam, ganz langsam  gehe ich über die weiten, duftenden Wiesen. Kilometerweit kann ich hier meinen Blick im Grünen schweifen lassen. So viel Weite, so viel Glück. Kein Mensch kreuzt meinen Weg. Wohlbefinden, Ruhe pur - und trotzdem das pralle Leben. Auf einmal habe ich viel mehr Zeit. Die Frankenwald-Luft ist an diesem Tag besonders klar und leicht. Die Arnika blüht. Der Himmel ist blau. Die Kraft, die dieser Ort hat, ist geradezu spürbar. Danke Dan Kieran für die Inspiration.