Mit knapp 436.000 Euro fördert Bayerns Gesundheitsministerium zwei Modellprojekte von Caritas und BRK zur pflegerischen Versorgung und Beratung im Landkreis Kronach. Im Zentrum steht das Konzept der Gemeindeschwester.

Wie sieht eine gesunde Ernährung im Alter oder bei bestimmten Erkrankungen aus? Wie baut man eine Wohnung barrierefrei um? Wie funktioniert ein Hörverstärker? Welche Möglichkeiten bietet die digitale Welt für ältere Menschen? Was ist ein Sensorpflaster? Was tun, wenn man sich im Alter alleine und verlassen fühlt; und was, wenn man plötzlich ins Krankenhaus muss? Viele Menschen brauchen auch im hohen Alter noch keine Pflege. Für sie ist es wichtig, dass sie Tipps und Beratung über vorbeugende und gesundheitsfördernde Maßnahmen erhalten, damit sie so lange wie möglich in ihrem gewohnten Umfeld ein gutes, selbstständiges und selbstbestimmtes Leben führen können.

Im Landkreis Kronach starten ab Januar 2020 gleich zwei Modellprojekte, die zum Ziel haben, älteren Menschen dieses selbstbestimmte Leben in den eigenen vier Wänden so lange es geht zu ermöglichen und dabei auch die pflegenden Angehörigen zu entlasten. Bayerns Gesundheits- und Pflegeministerin Melanie Huml dazu in einer Presseerklärung: „Dafür braucht es tragfähige Konzepte in den Kommunen vor Ort. Beispiele dafür sind das Modellprojekt 'Flexible Altenhilfe - Gemeindeschwestern Teuschnitz' der Caritas sowie das Modellprojekt 'Gemeindeschwester Oberer Frankenwald’ des Kronacher BRKs. Für beide Projekte stellt das bayerische Gesundheits- und Pflegeministerium in den nächsten zwei Jahren insgesamt knapp 436.000 Euro zur Verfügung.“

MdL Jürgen Baumgärtner (CSU) überreichte nun dieses „Weihnachtsgeschenk“ im Beisein von Landrat Klaus Löffler an Cornelia Thron, Geschäftsführerin des Caritasverbands Kronach, sowie an Roland Beierwaltes, Geschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes, BRK, Kreisverband Kronach.

Dreh- und Angelpunkt beider Konzepte ist der Einsatz von Gemeindeschwestern. Die Idee ist nicht neu: Schon früher gehörten sie als soziale und medizinische „Allround-Kräfte“ zum Alltag in kleineren Kommunen. Nun erlebt diese Institution im Landkreis ein Revival - und könnte damit Antworten geben auf die Kostenexplosion in der Pflege, auf fehlende ärztliche Kapazitäten im ländlichen Raum und die drohende Vereinsamung insbesondere alleinstehender älterer Menschen.

Das Projekt „Flexible Altenhilfe - Gemeindeschwestern in Teuschnitz“ setzt auf dem bereits seit 2014 erfolgreich initiierte Projekt „In der Heimat wohnen“ auf. Auch dies ein Modellprojekt, das mittlerweile in 21 Kommunen der Erzdiözese Bamberg umgesetzt wurde. Hier heißt die Gemeindeschwester künftig „Casemanagerin“ und wird über präventive Hausbesuche zur Ansprechpartnerin für alle Fragen, die von betroffenen Bürgern an sie gestellt werden. Die „Casemanagerin“ kommt nicht ungefragt, sondern auf Zuruf. Sie arbeitet eng mit einer „Quartiersmanagerin“ zusammen. Beide sind Ansprechpartnerinnen für Pflegebedürftige oder ältere Menschen und deren Angehörige. Insbesondere die „Casemanagerin“ leistet organisatorische Unterstützung sowie Beratung mit Schwerpunkt auf die pflegerische Versorgung. In Teuschnitz wird das „Casemanagement“ Lena Engelhardt, eine gelernte Krankenschwester und Studierende der Pflegewissenschaften, übernehmen; das „Quartiersmanagement“ wird hier bereits seit zehn Jahren erfolgreich von Janet Januszewski geleitet. Hilfesuchende profitieren von dem breit aufgestellten Netzwerk der Caritas und den neuen digitalen Möglichkeiten der „Pflege 4.0“ wie Telemedizin. Außerdem soll das Projekt von Ehrenamtlichen unterstützt werden.

Neu ist eine wissenschaftliche Begleitung des Projektes. Die Diplompädagogin Claudia Ringhoff wird dies gemeinsam mit Isabella Ettlich von der Hochschule Coburg übernehmen. „Von der wissenschaftlichen Begleitung erhoffen wir uns unter anderem Erkenntnisse darüber, ob solche Konzepte nicht nur regional und zeitlich begrenzt, sondern auch flächendeckend und auf Dauer umgesetzt werden können“, erläutert Cornelia Thron das Vorgehen. „Unser Ziel ist es, einen erfolgreichen Ansatz zu entwickeln, der als Blaupause für andere Kommunen dienen kann. Deshalb werden wir die Prozesse begleiten und dokumentieren und die Ergebnisse in ein Handbuch einfließen lassen.“

Strukturell sollen die Teuschnitzer Gemeindeschwestern an den Caritas Stützpunkt "In der Heimat wohnen" angebunden werden. Das bayerische Gesundheits- und Pflegeministerium hat dazu für die Zeit vom 1. Januar 2020 bis 31. Dezember 2021 eine Zuwendung von bis zu 161.290 Euro inklusive der wissenschaftlichen Begleitung des Projekts bewilligt.

Das Projekt des BRK sieht eine ähnliche Konzeption vor. Auch im oberen Frankenwald sollen die Gemeindeschwestern als Netzwerkmanagerinnen und Helferinnen tätig werden. Ziel des Projektes ist es, ein tragfähiges Konzept zur Koordination und Vernetzung von sozialen und pflegerischen Strukturen zu etablieren. Dazu gehören Beratung und Kommunikation, Schaffung attraktiver Lebensbedingungen, Bereitstellung von Nachbarschaftshilfen sowie Gesundheits- und Betreuungsmanagement. Projektbeteiligte sind Roland Beierwaltes sowie Carmen Fehn, Pflegedienstleitung Sozialstation „Oberer Frankenwald“, ihre Stellvertreterin Dagmar Heinlein und Carina Kotschenreuther, Werkstudentin. Die wissenschaftliche Begleitung erfolgt hier durch die Wilhelm Löhe Hochschule Fürth. Das bayerische Gesundheits- und Pflegeministerium hat für das Projekt eine Zuwendung von bis zu 274.594 Euro bewilligt.

Jürgen Baumgärtner: „Das Konzept der Gemeindeschwester verspricht einen Gewinn an Lebensqualität und Menschlichkeit; geringere Kosten für die Krankenkassen; es entlastet Unternehmen durch weniger Fehlzeiten pflegender Angehöriger; ist eine Chance für den Forschungsauftrag der hiesigen Hochschulen und ein wichtiger Beitrag, die Region attraktiver zu machen.“ Baumgärtner unterstrich: „Mein Ziel ist es, dass unsere Gemeindeschwestern künftig nicht nur beraten, sondern auch medizinisch tätig sein werden. Außerdem werde ich mich dafür stark machen, dass die Finanzierung nach der Projektphase in eine Regelfinanzierung übergeht.“

In ihrer Verlautbarung betont Ministerin Melanie Huml: „Die Fäden der pflegerischen Versorgung laufen in den Kommunen zusammen. Daher soll im Laufe des Jahres 2020 eine landesweite Koordinationsstelle eingerichtet werden, die Kommunen bei der Verbesserung der pflegerischen Infrastruktur vor Ort unterstützt. Darüber hinaus wollen wir die Pflegeberatung vor Ort verbessern, indem wir den Kommunen ein Initiativrecht zur Einrichtung von Pflegestützpunkten einräumen. Denn die besten und vor allem passendsten Lösungen lassen sich direkt vor Ort finden."